ORWO Wolfen NC500 – Vom hässlichen Entlein zum Problemkind mit Charme
Eigentlich hatte ich den Film schon in die Tonne getreten.
Gerettet wurde er vom Kodak Ultramax 400.
Der ORWO Wolfen NC500 hatte es wirklich nicht leicht bei mir. Zu finden ist er neuerdings in den Regalen einer großen deutschen Drogeriemarktkette. Und in meiner Naivität dachte ich: „Wenn die den Film verkaufen, werden sie ihn wohl auch vernünftig entwickeln.“
Tja. Die Realität stand schon mit der Schaufel neben mir und hat nur darauf gewartet, zuzuschlagen.
Bei zwei Rollen NC500 hat die Entwicklung gefühlt ewig gedauert. Und am Ende klebte auf der Hülle mit den Abzügen ein gelb-schwarz gestreifter Warnaufkleber, der 6 € Aufpreis bedeutet. Innen lag dann ein Zettel, fein säuberlich angekreuzt:
„Keine Standardrolle“
Wow. Ich kaufe einen Film im Laden, gebe ihn dort zur Entwicklung ab – und bekomme am Ende gefühlt einen Strafzettel dazu.
Okay, einmal ist keinmal. Kann ja passieren.
Aber zweimal?
Das Ultramax-Desaster #
Als wäre das nicht genug, gab’s bei einer gleichzeitig abgegebenen Kodak Ultramax 400 noch einmal richtig Prügel:
Die digitalen Abzüge sahen aus, als hätte jemand den Farbraum mit einem Zauberwürfel verwechselt. Psychedelisch wäre noch höflich.
An diesem Punkt hatte ich genug. Wenn ich schon nicht weiß, ob der Film spinnt, das Labor pennt oder beides zugleich – dann scanne ich halt selbst.
Darktable, Negadoctor und der erste Aha-Moment #
Ich nutze aktuell kein Lightroom, sondern Darktable unter Linux. Bedeutet: Ich musste mich erst einmal intensiv mit dem Modul Negadoctor beschäftigen. Und dabei fiel dann zum ersten ersten Mal auf, wie kritisch das richtige Einmessen des Trägermaterials ist. Wenn das nicht passt, kannst du den Rest komplett vergessen.
In der anschließenden Diskussion mit meinen Kollegen – meinen gnadenlosesten Kritikern, wenn es um Farbstiche und Kontraste geht – machte es irgendwann: klick klick BOOM.
Wieder kam eine Schaufel. Diesmal aber die Schaufel der Erkenntnis:
Vielleicht war der Film gar nicht schlecht.
Vielleicht wurde er nur völlig falsch behandelt.
Das Laborprofil-Problem #
Drogerielabore scannen fast alles mit einem Standardprofil für orangenes Trägermaterial – optimiert für Kodak Gold 200 und Ultramax 400.
Der ORWO NC500 hat aber ein völlig anderes, neutraleres Trägermaterial.
Wenn man den wie einen Kodak scannt, sieht er aus wie ein Kodak – nur in schlecht.
Das erklärt die flauen Farben, die matschigen Schatten, die seltsame Cyanverschiebung.
Also habe ich ein paar Negativstreifen selbst eingescannt und in Darktable entwickelt.
Und siehe da:
Das hässliche Entlein wurde langsam zu einem Schwan.
Der Look – und warum er mir plötzlich gefällt #
Die Ergebnisse meiner eigenen Scans waren ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Nicht perfekt – aber viel charaktervoller. Und genau das war der Punkt.
Der ORWO NC500 hat einen Look, der:
- leicht gedämpft ist, aber nicht tot
- eine coolere Farbpalette hat, ohne steril zu wirken
- Schatten gern absaufen lässt
- weniger kitschig ist als Kodak Gold 200 oder Ultramax 400
- eine cineastische Grundnote mitbringt
Dass die Schatten schnell dichtmachen, stört mich überhaupt nicht.
So fotografiere ich digital schließlich auch: Ich belichte für die Highlights und lasse die Schatten eben Schatten sein.
Keine Ahnung, ob die Pentax ME Super das ähnlich interpretiert, ob der Dynamikumfang von Film einfach göttlich ist, oder ob ich bisher schlicht Glück hatte – aber die meisten Negative waren erstaunlich gut belichtet.
Der ungeplante Wendepunkt #
Während ich weitere Scans entwickelte, merkte ich, wie der Film plötzlich Sinn ergab.
Keine Kampfansage an Kodak, kein Portra-Klon, kein Hipster-Trendfilm.
Sondern ein Charakterkopf.
Einer, der nicht jedem gefallen will.
Einer, der auch mal aneckt.
Einer, der sich nicht darum schert, ob ein Instagram-Feed homogen aussieht.
Und genau das mag ich daran.
Fazit: Der ORWO bekommt seine zweite Chance #
Der ORWO NC500 war kurz davor, im mentalen Mülleimer zu landen.
Er war der Typ Film, bei dem du nach zwei Rollen sagst: „Nee danke, das tu ich mir nicht noch mal an.“
Aber mit eigenen Scans, etwas Geduld und der Erkenntnis, dass Drogerielabore eben nicht mitdenken können, hat er sich hochgearbeitet.
Er ist nicht perfekt.
Er ist nicht universell einsetzbar.
Und er macht es einem auch nicht leicht.
Aber genau dieses unperfekte, kantige, eigenwillige macht ihn zu einem Film, den man gezielt als Stilmittel einsetzen kann.
Der ORWO bekommt eine zweite Chance – und hat sich dabei einen kleinen Platz in meinem Herzen erobert.
Disclaimer #
Dieser Artikel entstand, während sich Rage Against the Machine auf dem Plattenteller gedreht haben.
Manche würden es eine Ode an die Analogfotografie nennen.
Andere vielleicht Midlife-Crisis mit Emulsionsgeruch.
Ich?
Ich feier’s. 😎